Fährunglück in Südkorea: 460 Menschen an Bord

Seoul – Eine Fähre mit rund 460 Menschen an Bord ist am Mittwoch vor der Südwestküste Südkoreas gekentert. Stunden nach dem Unglück wurden nach Angaben der Küstenwache noch immer mehr als 280 Personen vermisst. Die meisten waren Schüler, die mit ihren Lehrern einen Ausflug zur Insel Jeju machen wollten.

Mehr als 170 Menschen konnten in einer großangelegten Rettungsaktion in Sicherheit gebracht werden. Der Tod von sechs Menschen wurde bestätigt, schrieb „The Korea Herald“. Mehr als 50 wurden verletzt. Doch obwohl die Suche bis spät in die Nacht fortgesetzt wurde, schwand die Hoffnung, noch mehr Überlebende zu bergen. Ein Taucheinsatz und damit die Suche im Inneren des Wracks wurde wegen der Dunkelheit abgebrochen. Aufgrund der Wassertemperatur von zwölf Grad und der Meerestiefe seien die Überlebenschancen für die Vermissten sehr gering.

Zur Unterstützung der Bergungsarbeiten verlegten die USA am Mittwoch den Hubschrauberträger „USS Bonhomme Richard“ zum Unglücksort. Washington sei bereit, „jegliche Unterstützung“ bereitzustellen, sagte der Sprecher von US-Präsident Barack Obama, Jay Carney.

Warum die 20 Jahre alte „Sewol“ bei offenbar ruhiger See kenterte, blieb zunächst unklar. „Alles war ideal. Dann gab es ein lautes Geräusch. Frachtteile stürzten um“, berichtete Cha Eun Ok in der Stadt Jindo, die der Unglücksstelle am nächsten liegt. Cha war an Deck und fotografierte, als das Unglück seinen Lauf nahm. „Es wurde durchgesagt, dass die Leute an Ort und Stelle bleiben sollten“, sagte sie. „Aber wer blieb, saß in der Falle.“

20 Kilometer vor der Küster gekentert

Die „Sewol“ war mit 462 Menschen an Bord auf dem Weg nach Jeju, als sie 20 Kilometer vor der Küste in Seenot geriet und einen Notruf absetzte. Die Fähre bekam Schlagseite, kenterte und lag Kiel oben im Wasser. Schließlich ragte nur noch ein kleiner Teil des blau-weißen Bugs heraus. Augenzeugen sagten, viele Vermisste befänden sich vermutlich noch im Rumpf der Fähre, die auch 150 Fahrzeuge an Bord hatte.

Rund 100 Schiffe der Küstenwache, der Marine und Fischerboote eilten zu Hilfe. Retter zogen Schiffsinsassen mit den Händen aus dem Wasser. Fast 20 Hubschrauber waren im Einsatz und hievten Menschen mit Seilwinden aus dem Meer.

Verwirrende Angaben über Überlebende

Für Verwirrung sorgten widersprüchliche Angaben über die Zahl der Passagiere und Überlebenden. Zunächst sprach die Regierung von 477 Menschen an Bord, 368 Geretteten und rund 100 Vermissten. Später räumte sie ein, dass den Angaben ein Rechenfehler zugrunde liege: Einige Passagiere seien doppelt gezählt worden. Was anfangs wie eine weitgehend erfolgreiche Rettungsaktion aussah, droht nun eine der größten Schiffskatastrophen der letzten 20 Jahre in Südkorea zu werden.

Bei den Angehörigen der Vermissten kamen zur Verzweiflung noch Wut und Ärger über die Behörden. Zornig gingen sie auf Lokalpolitiker und Journalisten los, die bei einem Notlazarett mit Überlebenden sprechen wollten. In einer Turnhalle saßen Schiffbrüchige in Decken gehüllt auf dem Fußboden. Eine Frau lag auf einer Trage, sie zitterte am ganzen Leib. Ein Mann schluchzte laut, während er in sein Mobiltelefon sprach.

„Es ist, als stürzte die Welt ein“, sagte ein verzweifelter Vater, dessen 17-jähriger Sohn vermisst wurde. „Ich will jetzt meinen Sohn sehen.“ Eine Mutter hatte mehr Glück. Ihr Sohn habe ihr eine SMS geschrieben, dass er wohlauf sei, sagte sie. „Als ich das gelesen habe, dachte ich, mir bleibt das Herz stehen.“

Opfer zum größten Teil Schüler und Lehrer

Rund 340 Passagiere waren Schüler und Lehrer der Danwon-Schule in Ansan, einer Vorstadt von Seoul. Ein Vertreter der Schule berichtete, alle 338 Schüler und Lehrer an Bord hätten das Fährunglück überlebt. Doch diese Angaben konnten weder von der Küstenwache noch von anderen Behörden bestätigt werden.

Die See war Rettungskräften zufolge ruhig. In der Nacht war nördlich der Unglücksstelle starker Nebel gemeldet worden. Zahlreiche Fährverbindungen waren deswegen gestrichen worden. Es gab Berichte, dass die „Sewol“ vom Kurs abgekommen sei. Doch die Koordinaten der Unglücksstelle, die die Hafenbehörden nannten, lagen nicht weit entfernt von der üblichen Route. Quelle: ORF